Die Literatur Rubrik der kleinsten Macpage

(alte Zitate und neue Empfehlungen)

 

( ... ) Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser Kistenwand - ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand - nun, so hörte ich auf, Affe zu sein. Ein klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.

Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennen gelernt, die sich danach sehnen. Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei : mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietés vor meinem Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem Gebiß. "Auch das ist Menschenfreiheit", dachte ich, "selbstherrliche Bewegung." Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick. ( ... )


aus " Ein Bericht für eine Akademie " Franz Kafka

 

( ... ) "Meister, wir kommen mit einer Bitte zu Euch. Sagt uns doch,
warum ein so sonderbares Tier wie der Mensch erschaffen worden ist?"
"Was geht das dich an?" versetzte der Derwisch; "ist das deine Sache?"-
"Aber, mein ehrwürdiger Vater, es gibt so entsetzlich viel Böses auf der Welt!"
nahm nun Candide das Wort. - " Ob Gutes oder Böses was liegt daran", entgegnete
der Derwisch. "Wenn Hoheit ein Schiff nach Ägypten entsendet, kümmert er sich
dann darum, ob sich die Mäuse auf dem Schiff wohlfühlen oder nicht?" - "Was
soll man also tun?" wollte Pangloß wissen. - "Schweigen sollst Du", war die
Antwort. - "Ich hatte gehofft", setzte Pangloß das Gespräch fort, "mich mit euch
ein wenig über Ursache und Wirkung, über die beste aller Welten, den Ursprung
des Bösen, über die Natur der Seele und über die prästabilierte Harmonie
unterhalten zu können." Als der Derwisch diese Worte vernahm, schlug er ihnen
die Tür vor der Nase zu.
( ... )


aus "Candide oder der Optimismus" Voltaire

 

Anfangen, wo es anfängt:

Es ist Frühling, mondlose Nacht in der kleinen Stadt, sternlos
und bibelschwarz, die Kopfpflasterstraßen still, und der geduckte
Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur
schlehenschwarzen, zähen, schwarzen, krähenschwarzen, fischer-
bootschaukelnden See. Die Häuser sind blind wie Maulwürfe (aber
die maulwürfe sehen gut heut nacht in den schnuppernden samti-
gen Waldtälern) oder blind wie Käpitän Cat in der eingemum-
melten Mitte der Stadt, beim Brunnen und bei der Stadtuhr, bei
den Läden in Trauer, beim Wohlfahrtshaus im Witwenschleier.
Und alle Leute in der eingelullten umstummten Stadt liegen und
schlafen.
Sst! Die Babies schlafen, die Bauern, die Fischer, die Händler
und Rentner, der Schuster, Schullehrer, Schenkwirt und Brief-
träger, der Leichenbestatter und das leichte Liebchen, Säufer und
Schneider, Pfarrer und Polizist, die schwimmfüßigen Muschelwei-
ber und reinlichen Hausfrauen. Junge Mädchen liegen weich ge-
bettet oder gleiten in ihren Träumen, mit Ringen und Ausstattung,
von Glühwürmchen brautumjungfert, durch die gewölbten Schiffe
des orgelspielenden Waldes. Die Burschen haben polternde Abend-
träume von den bockstößigen Viehhöfen der Nacht und der fröh-
lichen seeräubergrölenden See. Und die Kohlenstatuen der Pferde
schlafen auf dem Feld und die Kühe im Stall und die Hunde im
naßdurchschnauzten Hof, und die Katzen dösen in schiefen Win-
keln oder springen schlau und stricheln und sticheln auf der einen
einzigen Wolke der Dächer. ( ... )

aus " Unter dem Milchwald " Dylan Thomas

 

Frühmorgens in Cannery Row - das ist die Stunde ihrer Verzauberung.
Die Straße schwebt zeitlos in silbrigem Licht.

Keine Finsternis, keine Nacht, keine Sonne, kein Tag, keine Autos, kein Fortschritt,
kein Rückschritt, keine Straßenbeleuchtung, kein Business. (...)
Es ist die Stunde des Friedens. Rings ruht alles, was ist.

Katzen schlüpfen zwischen Lattenzäunen hindurch, gleiten wie Sirup am Boden
und halten nach Fischköpfen Ausschau. Frühe Hunde schreiten erhaben dahin
und wählen weise, kennerisch schnuppernd
die Stellen, wohin sie pissen. (...)

Perlenstunde.
Schwebendes Zwischenspiel zwischen Nacht und Tag.
Die Zeit hält inne und prüft sich selbst.

aus " Die Straße der Ölsardinen " John Steinbeck

 

Nun ward der Winter unsres Misvergnügens, glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks.

aus " Richard III " William Shakespeare

 

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues ( ... )

aus " Murphy " Samuel Beckett

 



Eine kleine Auswahl weitere Bücher, die man vielleicht auch einmal in die Hand nehmen könnte:

 

Jean-Paul Sartre " Im Räderwerk " und fast alles was er noch so zu Papier gebracht hat

John Steinbeck " Jenseits von Eden " und, und, und ...

Heinrich Böll " Und sagte kein einziges Wort " und etliche weitere

Jean Cocteau " Kinder der Nacht " (Les Enfants Terribles)

Berthold Brecht " Die Dreigroschenoper " und " Der gute Mensch von Sezuan " u.v.m.

Daniel Quinn " Ismael "

J.D. Salinger " Franny und Zooey "

Sten Nadolny " Die Entdeckung der Langsamkeit " (leider hat er diese Qualität bisher nie wieder errreicht)

Patrick Süskind " Das Parfum "

Kurt Tucholsky " Ausgewählte Werke " höchst vergnüglich

Stefan Zweig " Schachnovelle "

Max Frisch " Santa Cruz "

Antonia Byatt " Besessen "

Aldous Huxley " Schöne neue Welt " äußerst aktuell

Thomas Morus " Utopia "

Umberto Ecco " Das Foucaultsche Pendel " ( Für Hartgesottene )

 

Und vieles, vieles mehr ... ( to be continued )

 



(19.03.01)